Die EENA Conference 2026 brachte vom 15. – 17. April Fachleute aus ganz Europa und darüber hinaus in Riga zusammen, um aktuelle Entwicklungen rund um den Notruf 112 zu diskutieren, Herausforderungen zu benennen und Best Practices auszutauschen.
Dabei wurde schnell deutlich: Es geht nicht um abstrakte Technologiedebatten, sondern um die praktische Frage, wie Notrufkommunikation unter veränderten technischen und geopolitischen Bedingungen verlässlich funktioniert. Das wurde auch im Rahmenprogramm der Konferenz sichtbar, das die humanitäre Dimension von Notruf und Rettungskommunikation eindrücklich in den Mittelpunkt rückte.
Eine besondere Würdigung erhielt Demetrios Pyrros, Gründer von EENA und Mitgründer von Doctors Without Borders in Griechenland, der für seine Verdienste mit dem Special 112 Award ausgezeichnet wurde. Auch Leonid Tymtschenko aus dem ukrainischen Innenministerium sprach über die operative Realität von Notruf und Krisenkommunikation unter extremen Bedingungen.
Der europäische Notruf entwickelt sich fachlich und technologisch in die richtige Richtung. Gleichzeitig steigt in der Übergangsphase die Fragilität. Das gilt vor allem dort, wo neue Standards und Dienste in bestehende Netz- und Leitstellenstrukturen integriert werden müssen. Themen wie Direct-to-Device-Konnektivität über Satelliten, Post-2G/3G-Emergency-Calling, Enhanced Caller Location, NG112-Übergangslösungen und Resilienz in Krisenlagen zeigen, dass die Zielarchitektur zunehmend sichtbar ist. Kritisch ist aber, ob sie im Betrieb wirklich zuverlässig funktioniert.
Ein stark beachtetes Thema in Riga war die Entwicklung von Direct-to-Device-Konnektivität für Notrufe über Satelliten. Die Stoßrichtung ist klar: Wenn terrestrische Mobilfunknetze in ländlichen Regionen fehlen oder in Krisenlagen ausfallen, kann satellitengestützte Kommunikation eine zusätzliche Resilienzschicht für Notrufe schaffen.
Die Diskussion zeigte, dass diese Entwicklung nicht mehr nur visionär ist. Europäische und internationale Akteure arbeiten bereits an konkreten Lösungen, um Notrufkommunikation über 5G und Low-Earth-Orbit-Satelliten zu ermöglichen. Für die Notrufarchitektur bedeutet das vor allem eines: Sie muss künftig noch konsequenter auf IP-basierte, medienoffene und interoperable Kommunikationsmodelle ausgerichtet werden.
Ein zentrales Thema der Konferenz war der Übergang von klassischen leitungsvermittelten Notrufarchitekturen zu 112 über 4G und IMS. Genau hier wurde deutlich, warum die Abschaltung von 2G- und 3G-Netzen für den Notruf so kritisch ist.
Die Migration in moderne Mobilfunk- und IMS-Umgebungen ist technisch sinnvoll, erhöht aber die Anforderungen an Konfiguration, Interoperabilität und Betrieb. Änderungen in Netzarchitekturen oder Gerätekonfigurationen können dazu führen, dass Sprache, Daten und Notrufdienste gleichzeitig betroffen sind. Reale Ausfälle in verschiedenen Märkten zeigen, dass diese Risiken nicht hypothetisch sind.
Als besonders kritisch wurden auf der Konferenz genannt:
Die 3G-Abschaltung ist für den Notruf kein normaler Technologiewechsel, sondern ein hochkritischer Migrationseingriff in eine lebensrelevante Infrastruktur.
Wichtig ist die Weiterentwicklung der Standortübermittlung, denn im Notruf entscheidet die Qualität der Standortdaten unmittelbar darüber, wie schnell und präzise Hilfe disponiert werden kann. Die Entwicklung bewegt sich von der klassischen Cell-ID über AML hin zu netzbasierten und SIP-basierten Verfahren weiter. Dabei geht es nicht nur um bessere Genauigkeit, sondern auch um die Frage, wie Standortinformationen stabil, schnell und verwertbar im Notrufprozess verfügbar gemacht werden.
Besonders relevant war die Diskussion um Advanced Network Location (ANL) und PIDF-LO. Beide Ansätze zeigen, wohin sich moderne Notrufarchitekturen entwickeln: weg von nachgelagerten Zusatzinformationen, hin zu strukturiert übermittelten Standortdaten, die frühzeitig im Verbindungsaufbau verfügbar sind und auch für Routingentscheidungen genutzt werden können.
Ein wichtiges Signal aus Riga war die zunehmende Relevanz von PIDF-LO. Dahinter steht die Möglichkeit, Standortinformationen direkt im SIP-basierten Verbindungsaufbau zu transportieren. Das ist für NG112 besonders bedeutsam, weil Standortdaten von Smartphones oder auch Anschlüssen von virtuellen PBX dadurch schneller, strukturierter und in vielen Fällen robuster bereitgestellt werden können als über nachgelagerte Verfahren.
Gleichzeitig wurde klar benannt, warum die Einführung noch nicht flächendeckend erfolgt: Es gibt technische Einschränkungen auf Geräte- und Netzebene, unterschiedliche regulatorische Rahmenbedingungen und in Teilen noch Lücken in der Ende-zu-Ende-Unterstützung innerhalb der Netzinfrastruktur. Trotzdem ist die Richtung klar. Wer NG112 weiterentwickeln will, muss Standortdaten nicht nur erfassen, sondern Ende zu Ende zuverlässig durch Netz und Leitstellenumgebung transportieren können.
Ein weiteres Thema der Konferenz war die praktische Einführung von NG112-Funktionalitäten in bestehende Leitstellenumgebungen. Viele PSAPs arbeiten weiterhin mit historisch gewachsenen PBX-, CAD- und GIS-Strukturen, die für neue Dienste wie RTT oder NGeCall nur begrenzt ausgelegt sind.
Deshalb gewinnen Übergangslösungen an Bedeutung, die neue Funktionen ergänzend neben der Bestandsinfrastruktur bereitstellen. Genau das zeigt, wie der Markt derzeit tatsächlich vorgeht: nicht über einen vollständigen Austausch in einem Schritt, sondern über integrierte Migrationsarchitekturen.
Solche Modelle bringen allerdings eigene Anforderungen mit sich, etwa bei Rückrufen, Aufzeichnung, Medienwechseln oder der operativen Einbindung in bestehende Prozesse. Auch das war in Riga ein wichtiges Signal: NG112 ist nicht nur ein Standardisierungsthema, sondern vor allem eine Integrationsaufgabe.
Der Notruf entwickelt sich zu einer IP-basierten, datenreichen, medienoffenen und hochverfügbaren Servicearchitektur. Für MNOs, Emergency Call Service Provider und PSAPs heißt das, dass technologische Modernisierung und Betriebsstabilität gemeinsam gedacht werden müssen.
Genau hier liegt die Relevanz von CreaLogs telco-grade Plattformkompetenz und Integrationsstärke. Entscheidend sind heute Lösungen, die unter anderem diese Anforderungen adressieren:
Der Markt braucht dafür nicht nur neue Standards braucht, sondern vor allem Partner mit Carrier-Verständnis, Integrationsfähigkeit und operativer Umsetzungserfahrung.
Wer 112 zukunftssicher machen will, muss Migration, Routing, Standort, NG112-Funktionalitäten und Resilienz als zusammenhängende Infrastrukturaufgabe verstehen.
Die EENA Conference 2026 in Riga war vor allem eine Konferenz der Umsetzung. Die technologische Richtung ist klar: satellitengestützte Erreichbarkeit, NG112, präzisere Standortübermittlung, neue Kommunikationsformen und AI-gestützte Unterstützung werden den europäischen Notruf nachhaltig verändern. Die entscheidende Frage lautet, ob die Technologien unter realen Bedingungen zuverlässig funktionieren.
Genau deshalb ist die 3G-Abschaltung so relevant. Sie macht sichtbar, wie abhängig der Notruf inzwischen von korrekt implementierten IP-, VoLTE- und IMS-Architekturen ist und das Netzwerkausfälle möglich sind. Moderne Notrufinfrastruktur wird nicht an der Innovationshöhe, sondern an ihrer Verlässlichkeit im Ernstfall gemessen.
CreaLog ist Mitglied der EENA (The European Emergency Number Association)